An der Grenze der “Festung Europas”
An der Grenze Spanien - Marokko
Auf die Einreise und Zollformalitäten sind wir mental vorbereitet, denn die Reiseführer haben im Detail beschrieben, was wie und wo zu tun ist. Gemäss der Reiseführer brauchte es vor allem starke Nerven. Verschiedene Formulare für Einreise, Einfuhr des PKW, Autoversicherung und Zolldeklaration müssten ausgefüllt werden. Nach Erledigung aller Formalitäten sei das Auto zu registrieren und vorzuführen. Mit intensiven Durchsuchungen des Wageninhaltes musste man rechnen. Gemäss den angegebenen Zeitberechnungen sollen für das ganze Procedere zwei bis drei Stunden eingerechnet werden.
Als wir nach 20 Minuten den Zoll hinter uns lassen und den marokkanischen Grenzpolizisten bereits nur mit einem Kugelschreiber und einem Swisscom Schlüsselbändchen „befriedigen“ können, fahren wir mit einem Grinsen auf marokkanisches Territorium.
Die gesamte Enklave Ceuta ist mit einem strengüberwachten Sicherheitsstreifen bestehend aus meterhohen Stacheldrahtzäunen regelrecht hermetisch abgeriegelt. Kameras und eine Vielzahl von
marokkanischen Militärposten verhindern bereits vor der eigentlichen Sicherheitszone die Annäherung an die „Festung Europas“. Entlang dieser Grenze versuchen Tausende verzweifelter Schwarzafrikaner auf das spanische Gebiet zu flüchten. Und genau hier reisen wir in die umgekehrte Richtung – nach Afrika ein! Ein eigenartiges Gefühl! Während wir die Freiheit haben, immer wieder umzukehren oder jederzeit nach Europa zurückfliegen zu können, haben die Menschen in entgegengesetzter Richtung nicht die geringste Chance! Dies wird in den folgenden Informationen über das Afrikanische Flüchtlingsproblem besonders deutlich.
Die afrikanischen Migrationsströme
Das Ursachengeflecht für Migrationen ist sehr komplexer Natur: Hunger und wirtschaftliche Not, religiöse und ethnische Konflikte, politische Repression, Flucht vor Kriegs- und Bürgerkriegswirren, Zerstörung von natürlichen Lebensgrundlagen und Umweltkatastrophen.
Jährlich versuchen 30 – 40.000 Migranten aus subsaharischen Ländern nach Europa zu gelangen. Statt in den europäischen Wohlstandszentren Ängste vor einem afrikanischen Einwanderungssturm zu erzeugen, sollten der Öffentlichkeit in den EU-Ländern die tatsächlichen Dimensionen der afrikanischen Flüchtlingskrise ins Bewusstsein gerückt werden.
Im letzten Jahrzehnt wurden Bürgerkriege, die politische Instrumentalisierung ethnischer und religiöser Konflikte sowie gravierende Menschenrechtsverletzungen durch diktatorische und scheindemokratische Regime (oft vor allem von westlichen Industriestaaten gefördert oder geduldet) zu einem der wichtigsten Antriebsfaktoren für Zwangs- und Fluchtwanderungen.
Auch ist die Arbeitsmigration aus den afrikanischen Ländern in die EU im letzten Jahrzehnt stark angewachsen. Es darf nicht übersehen werden, dass Migranten ein beeindruckend hohes Finanzvolumen in ihre Heimatländer überweisen und damit zu einer partiellen Verringerung der Armut beitragen. Schätzungen der Weltbank gehen davon aus, dass 2005 mehr als 160 Mrd. Dollar über formelle Kanäle von Arbeitsmigranten in Entwicklungsländer zurück überwiesen wurden. Dies ist doppelt so viel wie das gesamte Finanzvolumen der offiziellen Entwicklungshilfeleistungen. Auch für viele Länder Afrikas sind Rücküberweisungen von Arbeitsmigranten eine wichtige Einnahmequelle. Mehr als vier Milliarden Dollar flossen in subsaharische Länder und sind ein wichtiger Teil des Bruttosozialprodukts (für Eritrea z.B. machten die Rücküberweisungen 16,7% des Bruttosozialprodukts aus!). Angesichts dieser Finanzströme ist es nicht verwunderlich, dass Regierungskräfte in zahlreichen afrikanischen Ländern in der politischen Debatte mit Europa beim Thema illegale Arbeitsmigration eine ambivalente Haltung einnehmen und geringes Interesse an Rückführungsvereinbarungen zeigen.
Die Ankunft illegaler Migranten aus Subsahara-Afrika macht derzeit wieder Schlagzeilen. Sichtlich greifen die europäischen und nordafrikanischen Abschottungsmaßnahmen nicht. Dass es der EU und den afrikanischen Staaten künftig wirklich gelingt, in ihrer entwicklungspolitischen Zusammenarbeit mehr Erfolg zu haben und damit die wichtigste Ursache von Armut und Flucht nach Norden einzuschränken, ist alles andere als sicher. Denn die Menschen leben in den ländlichen Regionen südlich der Sahara weitgehend noch in der Steinzeit. Gleichwohl muss gehandelt werden. Dies umso mehr, als die Migranten aus Subsahara-Afrika in Europa oft nur Perspektivlosigkeit erwartet. Auch wo es kaum Hoffnung gibt, ist vor allem, aber nicht nur aus humanitären Gründen zu handeln. Denn HIV/Aids, andere Seuchen wie auch die Folgen der Zerstörung der Umwelt in Afrika u.a. werden immer den Weg nach Europa finden.
(Auszüge aus „Europäische Sicherheit“ (Ausgabe August 2006), Professor Dr. Claus Montag und Dr. Klaus Freiherr von der Ropp)