Flüchtlingsströme nach Europa
Bericht aus Mauretanien
Auf die Bedeutung Nouadhibous, der nördlichen Hafenstadt Mauretaniens, als eines der Drehkreuze der afrikanischen Flüchtlingsströme auf dem Weg nach Europa, wurden wir kurz vor unserer Abreise durch einen Bericht von Rupert Neudeck, dem Gründer des „Komitee Cap Anamur“, aufmerksam.
Da Marokko aufgrund massiven europäischen Drucks seine Grenzen sehr streng überwacht, ist Nouadhibou somit der nördlichste und geografisch nächst gelegenste Punkt zu den Kanarischen Inseln, die 800 km entfernt im Atlantik das ersehnte Ziel der meisten Flüchtlinge sind. Allein 2006 kamen auf den Kanaren über 30.000 afrikanische Flüchtlinge an. Die meisten werden in Pirogen, kleine, handgezimmerte Holzboote verfrachtet, ohne Seenavigationsinstrumente, ohne Rettungsmöglichkeiten, oft ohne Lebensmittel und nur mit unzureichenden Trinkwasserkapazitäten.
Wie verzweifelt muss ein Mensch sein, der all das auf sich nimmt, oft monatelang kreuz und quer in Afrika unterwegs ist, wochenlang die Wüstengebiete Nordafrikas durchquert und sich dann in ein solches Schiffchen wagt, dessen Chance sein Ziel zu erreichen, in Anbetracht von meterhohen Wellen, starken Winden und Strömungen erschreckend gering ist?
Bereits am Hafen von Nouadhibou kommen wir mit der Problematik in Kontakt. Inmitten des bunten Treibens auf dem lokalen Fischmarkt treffen wir auf einen Senegalesen, der offen zugibt, dass er schon mehrfach Flüchtlinge nach Europa gebracht hat. Das letzte seiner Boote sei im Dezember 2006 ab Nouadhibou mit 108 Flüchtlingen gestartet. Wir sind erstaunt über seine Offenheit bei dieser heiklen Thematik. Doch mit dieser ist es ganz plötzlich vorbei, als ein gutgekleideter Mann in unsere Nähe tritt. Mitten im Satz bricht der senegalesische Schlepper ab und spricht über den Fischfang. Später erklärt er uns, dass es sich bei dem Mann um einen Polizisten in zivil handeln würde. Aufgrund des zunehmenden Drucks der EU wird der Hafen seit Beginn des Jahres 2007 anscheinend verstärkt kontrolliert.
Wir besuchen Father Jerome, einen nigerianischen Pfarrer, der seit vier Jahren in Nouadhibou wohnt und sich den Flüchtlingen und ihren traurigen Schicksalen angenommen hat. Auf die Frage, warum er sich neben all den vielen anderen sozialen Herausforder-ungen in diesem Land gerade für die Flüchtlinge einsetzt, antwortet er: „Sie haben niemanden. Sie haben all ihr Geld verloren. Sie haben weder Familie noch Freunde. Sie kennen niemanden. Sie haben keinen Platz, an dem sie sich aufhalten und kein Bett, in dem sie schlafen können. Sie haben nichts zu Essen, oftmals nicht einmal genug Wasser. Sie verstehen die Sprache des Landes nicht, haben keine Rechte und werden, da sie illegal eingereist sind, wie Kriminelle behandelt. Sie haben alles, wirklich alles verloren. Für mich sind es die Menschen, die am hilflosesten sind und genau deswegen helfe ich ihnen.“
Er führt uns zu einem kleinen Friedhof neben der Kirche, auf dem seit Jahren gestrandete Flüchtlinge begraben werden. Dieser ist komplett ummauert und nur vom Kirchengelände her begehbar. Der Ort wirkt sehr friedlich und strahlt eine unbeschreibliche Ruhe aus. Father Jerome geht zu einem großen Grab in einer Ecke des Friedhofs und erklärt uns, dass allein darin 435 ertrunkene Flüchtlinge liegen.
Hier sind Menschen begraben, die aus welchen Gründen auch immer, ihre Lebenssituation verlassen und sich auf den Weg gemacht haben, um ein besseres Leben zu finden. Sie haben oft jahrelang für den ersehnten Neubeginn gearbeitet und gespart, alles zurückgelassen und sich auf die Versprechungen der Schlepper verlassen, die bis zu 4.000 Euro für das „Ticket nach Europa“ verlangen. Dann kam der Moment, an dem all ihre Hoffnungen zerstört wurden und sie sich durch das Kentern oder Sinken ihres Bootes von jetzt auf gleich in akuter Lebensnot befanden. In Anbetracht dieser enormen Ungerechtigkeit und Hilflosigkeit verblasst der Aspekt der Illegalität, der diesen Menschen in Europa oft vorgeworfen wird. Wie können Menschen je illegal sein? Einem Menschen, der in Lebensnot ist, muss geholfen werden. Ganz egal aus welchen Umständen heraus er in diese Situation gekommen ist!
Father Jerome scheint unsere Gedanken zu spüren und erklärt: „Wenn alle Menschen frei reisen könnten, gäbe es keine illegalen Flüchtlinge.“ So einfach dieser Satz klingt, so tief und weitreichend ist seine Bedeutung. Während wir in den westlichen Ländern mit der größten Selbstverständlichkeit unsere Reiseziele frei wählen und jederzeit, nahezu in jedes Land der Welt einreisen können, werden Menschen, denen das fundamentale Menschenrecht der Reisefreiheit nicht gewährt wird, zu „illegalen“ Flüchtlingen.

