Noah’s Ark – eine Organisation kämpft gegen die Verschleppung und Ausbeutung von Kindern
„Was haben Arme und Reiche in Afrika gemeinsam?“, fragte uns Giselle Mitton, Regionalleiterin „Child Trafficking“ der „International Labour Organisation“ (ILO) vor wenigen Wochen in Dakar und antwortete, während wir noch überlegten: „Alle Familien haben zumindest ein oder mehrere Hausmädchen, die für sie die Arbeit erledigen.“ Diese Antwort macht sowohl das Ausmaß als auch die Nachfrage nach den billigen Arbeitskräften deutlich.
Kamerun ist Herkunftsland, Zielland und Transitland des afrikanischen Kinderhandels. Traditionell werden in Zentral- und Westafrika Kinder besonders in Fabriken und auf Plantagen als billige und willige Arbeitskräfte eingesetzt. Die Distanzen, die die Kinder zurücklegen müssen, sind enorm. Beispielsweise arbeiten kamerunische Kinder auf Kakaoplantagen in der Elfenbeinküste, nigerianische Mädchen werden nach Kamerun verschleppt und dort vor allem in den Städten Douala und Yaounde zur Prostitution gezwungen. Kinder aus der Zentralafrikanischen Republik werden durch Kamerun geschleust und landen im Nachbarstaat Gabun als Hausangestellte. „Während es noch vor Jahren möglich war, gängige Verschleppungswege aufzuzeigen, muss heute davon ausgegangen werden, dass Kinder aus allen und in nahezu alle Länder West- und Zentralafrikas verschleppt werden“, erklärt Giselle Mitton.
Gerade junge Mädchen werden vor allem als Hausangestellte gebraucht und dabei häufig auch missbraucht. In der Regel verläuft die Vermittlung der Hausmädchen über nahe Verwandte, Bekannte oder Mittelsmänner im sozialen Umfeld der Familie. Es ist schon zu einer Tradition geworden, Kinder aus entlegenen Dörfern, in denen keine Schulen existieren, in städtische Familien zu vermitteln, in denen das Kind arbeiten und zur Schule gehen kann. Dies wird zumindest versprochen und von den meisten Eltern auch angenommen. In der Praxis jedoch umfasst die Schulausbildung häufig nur wenige Jahre oder stellt sich gänzlich als leere Versprechung heraus. Statt zur Schule zu gehen, müssen die Kinder unter sklavenähnlichen Bedingungen von früh morgens bis spät abends für die Familien arbeiten.
„Bring me a Bamenda!“ ist in Kamerun ein gängiger Begriff zur Beschaffung eines Hausmädchens. Die Kleinstadt Bamenda im Nordwesten des Landes gilt als eine der Hochburgen des Kinderhandels. Und genau darum sind wir hier! Die Stadt liegt im anglophonen Teil Kameruns, der seit Jahrzehnten von den verschiedenen Regierungen stark vernachlässigt und vom Rest des Landes als rückständig betrachtet wird.
Wir besuchen die kleine Organisation Noah’s Ark, die seit dem Jahr 2001 durch Präventions- und Rehabilitationsprogramme gegen den Kinderhandel kämpft. Valentine Lah, der Leiter der Organisation, erklärt uns, dass es keine verlässlichen Zahlen zum Ausmaß des Kinderhandels in Kamerun und Westafrika gibt. Aufgrund der Wehrlosigkeit der Opfer werden Missbrauchsfälle nur in wenigen Ausnahmefällen bekannt. „Kinder aus dieser Region werden sehr häufig verschleppt, da sie als besonders unterwürfig und gehorsam gelten. Sie können sich nicht verteidigen, verstehen die französische Sprache nicht und sind oftmals auch nach Jahren nicht in der Lage, den Rückweg in ihre Dörfer zu finden.“
Die Organisation geht in die Dörfer, wendet sich gezielt an die Kinder, die nicht zur Schule gehen und versucht, die Gründe dafür herauszufinden. Auf diese Weise gewinnen die Mitarbeiter Einblick in die sozialen Zustände der Familien, wodurch die drei Hauptaktionsfelder der Organisation entstanden sind:
-
Finanzierung der Schulausbildung für Kinder
-
Ausbildungsprogramme für Jugendliche
-
Betreuung von sozial schwachen Familien mit Kleinkrediten zum Aufbau eines kleinen Handwerkbetriebs oder Geschäfts
„Wir unterstützen die Familien direkt in den Dörfern“, erläutert Valentine Lah „mit dem Ziel, dass die Kinder dort zur Schule gehen können und nicht als billige Arbeitskräfte weggegeben werden. Wichtig ist, genau darauf zu achten, dass durch unsere Hilfe keine Ungleichheiten im sozialen Gefüge des Dorfes entstehen. Wenn wir einem benachteiligten Kind zuviel gäben, so wäre es plötzlich das reichste in seiner Klasse. Wir machen den Familien immer wieder klar, dass sie allein die Verantwortung für die Ausbildung ihrer Kinder tragen und diese nicht auf uns abgewälzt werden kann. Durch einkommens-schaffende Maßnahmen versuchen wir, die wirtschaftliche Situation der Familie zu verbessern.“
Gemeinsam mit Valentine Lah besuchen wir einige Familien im Umland, die von der Organisation betreut werden. So auch John Ephan und seine Frau Phanbeda, die mit ihren drei Kindern in einer winzigen Hütte am Stadtrand von Bamenda leben. Beide Eltern sowie der jüngste Sohn Herman sind HIV-infiziert und aufgrund des fortgeschrittenen Stadiums dringend auf antiretrovirale Medikamente angewiesen.
Wie in vielen anderen afrikanischen Ländern auch hat AIDS in Kamerun ein erschreckendes Ausmaß angenommen. Jahrelang von der Regierung negiert, liegt die HIV-Infektionsrate nach offiziellen Angaben bei 5%. Internationale Hilfsorganisationen gehen jedoch davon aus, dass die Rate mindestens doppelt bis dreifach so hoch ist. Obwohl nach Angaben der Regierung alle Kameruner Anspruch auf kostenfreie AIDS-Medikamente haben, sieht die Realität anders aus. Jeden Monat muss John für seine Familie 10.000 CAF / 15 Euro für die Medikamente zahlen. Als Nachtwächter liegt sein Monatseinkommen derzeit bei 25.000 CAF / 38 Euro! Dafür muss er sieben Tage die Woche arbeiten, auch an Sonn- und Feiertagen und hat keinen Urlaub. Nach Abzug der Miete für die 9 m2 kleine Hütte von 7.000 CAF und weiteren 2.000 CAF für Wasser und Strom verbleiben der Familie pro Monat lediglich noch 6.000 CAF = 9 Euro! Wie soll und kann eine Familie damit überleben? Dabei haben John und Phanbeda lediglich drei Kinder. Die durchschnittliche Kinderzahl kamerunischer Familien liegt bis heute bei sechs bis acht Kindern, doch auch Familien mit zehn und mehr Kindern sind keine Seltenheit.
Die Dimension der Armut Afrikas in Form der Chancen- und Ausweglosigkeit sowohl für die Familien, als auch für die Generation der Kinder, wird an solchen Fällen besonders deutlich. Angesichts dieser Tatsachen wäre es vermessen, von skrupellosen Eltern zu sprechen, die ihre Kinder in der Hoffnung auf Ausbildung und Arbeit in die Städte schicken.
In Anbetracht der trostlosen Situation dieser und vieler anderer Familien hätten wir am liebsten spontan finanziell geholfen. Es fällt schwer, sich zu besinnen, dass dies sicherlich nicht der richtige Weg wäre. Und gerade darum sind wir froh, eine Organisation wie Noah’s Ark gefunden zu haben, die mit ihren einfachen und überzeugenden Modellen versucht, individuell zu helfen. So bekommt Phanbeda nun einen Kleinkredit zur Eröffnung eines kleinen Gemüsehandels. Durch die Organisation werden derzeit 158 Familien mit über 500 Kindern betreut. So unterschiedlich die Einzelschicksale der Familien sind, sie alle verbindet der Kampf ums tägliche Überleben.
Weitere Informationen über die Organisation via Let’s help oder direkt unter:
Noah’s Ark
Adresse: P.O. Box 5149 Nkwen, Bamenda, N.W. Province, Cameroon
Kontakt: Valentine Lah
Telefon: +237 7491198 (Mobil)
e-Mail: noar119@yahoo.com


