Traditionelle Riten und konservatives Denken
Mit fast 75 Millionen Menschen ist Äthiopien nach Nigeria das zweitbevölkerungsreichste afrikanische Land südlich der Sahara. Mit einem Durchschnittsalter von 17,8 Jahren handelt es sich um eine sehr junge und kinderreiche Bevölkerung. 52 Prozent der Äthiopier sind unter 18 Jahre alt.
In Äthiopien leben über vier Millionen Waisenkinder, rund ein Viertel davon sind AIDS-Waisen. Die durchschnittliche HIV/AIDS-Infektionsrate liegt offiziell bei 2,3%, was jedoch nach Einschätzung von internationalen Organisationen als bei weitem zu niedrig eingestuft wird. Laut UN AIDS Report 2006 liegt die Infektionsrate in den Städten mit 10,5% über fünf Mal höher als auf dem Land (1,9%).
Die Familienstrukturen in Äthiopien sind nach wie vor stark traditionell geprägt und als äußerst konservativ einzustufen. Die durchschnittliche Kinderzahl pro Familie liegt bei 5,1. Vor allem in ländlichen Gebieten, in denen über 90% der Bevölkerung leben, sind Familiengrößen mit 10 bis 12 Kindern bis heute üblich.
Die äthiopische Gesellschaft ist patriarchalisch ausgerichtet. Frauen sind in vielen Bereichen des täglichen Lebens extrem benachteiligt. Mädchen werden sehr früh, oft noch im Kindesalter, verheiratet – meist mit wesentlich älteren Männern. Im Durchschnitt liegt das Hochzeitsalter von Mädchen und Frauen landesweit bei 17,2 Jahren. In einigen abgelegenen Gebieten, wie zum Beispiel in der Amahra Region, werden 61% der Mädchen unter 15 Jahren verheiratet. Das durchschnittliche Hochzeitsalter in dieser Region liegt bei 14,5 Jahren!
Traditionelle Riten und konservatives Denken sind im Alltag der äthiopischen Bevölkerung fest verwurzelt. Nachdenklich stimmt, dass sich eine Vielzahl von „harmful traditional practices“ (schadende traditionelle Riten) über Jahrhunderte in der Gesellschaft bis heute gehalten haben. Noch immer werden 73% aller Mädchen und Frauen beschnitten (Genitalverstümmelung). Diese Zahl mag zunächst nahezu unglaublich erscheinen, wurde jedoch in Gesprächen mit mehreren Vertretern von Kinderrechtsorganisationen übereinstimmend bestätigt. Erstaunlich ist, dass die Genitalverstümmelung von Angehörigen aller Religionen praktiziert wird, d.h. sowohl von äthiopisch-orthodoxen und muslimischen als auch von christlichen Bevölkerungsschichten.
Neben der traumatischen Dimension der Genitalverstümmelung kommt es bei den betroffenen Frauen vor allem während der Schwangerschaft und Geburt zu starken Komplikationen, die oftmals lebensbedrohlich sind.
Weitere Praktiken, die nach modernem Verständnis als archaisch und qualvoll eingestuft werden müssen und die bis heute angewendet werden, sind das Herausreißen von Milchzähnen und Fingernägeln, um sich vor bösen Geistern zu schützen, großflächige Tätowierungen der Haut als Zeichen von Schönheit sowie die Entfernung des Zäpfchens im Rachenraum bei Kindern, das traditionell mit einem Bambusstock und Pferdehaar auf schmerzvolle Weise herausgerissen wird. Immer wieder kommt es vor, dass hierdurch ausgelöste Blutungen nicht mehr gestillt werden können und infolgedessen Kinder sterben. Die prozentuale Häufigkeit dieser Vorgehensweise ist nach Angaben von Kinderschutzorganisationen ähnlich hoch wie die der Genitalverstümmelungen.
Massenvergewaltigungen – keine Einzelfälle
Die starke Benachteiligung von Mädchen und jungen Frauen zieht sich durch alle Teile der Gesellschaft. In Äthiopien arbeiten 52% aller Kinder im Alter zwischen 5 und 17 Jahren. Während Jungen vorwiegend als Schuhputzer, Straßenfeger oder Lastenträger ihr Geld verdienen, arbeiten Mädchen meist als Hausangestellte, wo sie schutzlos der Willkür aller Familienmitglieder ausgesetzt sind. Mädchen, die aufgrund von schwerster körperlicher Arbeit und/oder Missbrauch davonrennen, landen zumeist auf der Straße und leben von der Bettelei. Sie kommen vom Regen in die Traufe, denn auf der Straße, die sie in ihrer Verzweiflung zunächst als „Freiheit“ sehen, lauern zahlreiche Gefahren, denen sie erneut wehr- und schutzlos ausgeliefert sind. Betroffene Mädchen berichten von Massenvergewaltigung durch Straßenkinderbanden oder Verschleppung in die Prostitution durch Zuhälter und Bordellbesitzer. Dies sind keine Einzelfälle! „Die Mehrheit aller Mädchen, die auf der Straße leben, sind wiederholt vergewaltigt worden“, erklärt Lamrot Fikre, die stellvertretende Direktorin des Forum on Street Children – Ethiopia (FSCE).
Aus Angst vor Übergriffen suchen sich viele Mädchen einen möglichst kräftigen Freund, der sie vor den lauernden Gefahren der Straße bewahren soll. Ähnlich ist es auch bei den jungen Frauen, die als Prostituierte in den Straßen der Hauptstadt leben. „Üblicherweise werden zwischen Freund und Freundin keine Kondome benutzt, da hier Vertrauen eine große Rolle spielt“, erläutert Zemzem Jemal, die psychosoziale Betreuerin des Safe Homes von FSCE „und so breitet sich AIDS immer weiter aus.“
Kondome liegen in Äthiopien ohnehin nicht hoch im Kurs. Nach Aussagen verschiedener Sozialarbeiter in den Rotlichtvierteln der Stadt benutzen nur ca. 30-40% der Kunden Kondome. Selbst wenn die Mädchen auf die Benutzung Wert legen, haben sie keine Chance sich durchzusetzen. Vor allem junge Mädchen, die gerade erst in die Hauptstadt kommen und keine Ahnung von den Spielregeln der Großstadt haben, werden binnen kürzester Zeit mit dem Virus infiziert. Freier fordern die Mädchen auf, mit ihnen zu trinken oder „Khat“ zu kauen (Pflanze mit ähnlicher Wirkung wie Haschisch). Ziel ist die Willens- und Widerstandslosigkeit des Mädchens, um auch perverse Sexualtechniken ungehindert ausüben zu können. Hat eine Frau dieses Stadium erreicht, kommt es nicht selten vor, dass plötzlich „Freunde“ des Kunden auftauchen und sich ebenfalls an dem wehrlosen Opfer vergehen.
Angesichts des schockierenden Ausmaßes der einseitigen und starken Benachteiligung von Mädchen und jungen Frauen innerhalb der äthiopischen Gesellschaft, haben wir das Schwergewicht unserer Projektbesuche auf jene Organisationen gelegt, die überzeugend und wirkungsvoll genau gegen diese Ungerechtigkeit kämpfen.








