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Unsere Projektreise durch Afrika und Asien

Monatsarchiv für April 2007

Hoffnung für AIDS kranke Menschen im Slumviertel von Abidjan

27. April 2007

Bericht aus der Elfenbeinküste

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Die Schweizerin Lotti Latrous betreibt seit neun Jahren mitten in Adjouffou, einem Slumviertel am Stadtrand von Abidjan, das „Centre L’Espoir“, eine ambulante Tagesklinik, ein Hospiz für AIDS kranke Menschen sowie ein Waisenhaus für HIV-infizierte Kinder.

Lotti Latrous ist hautnah mit dem unvorstellbaren Leid der Menschen, mit ihren Krankheiten, Schicksalen und ihrer Not konfrontiert. Von morgens bis abends kommen die verzweifelten Slumbewohner zu ihr und bitten sie um Hilfe. Allen hört sie zu, für jeden nimmt sie sich Zeit. Über die Jahre ist das „Centre L’Espoir“ zu einer bedeutenden und für die Menschen lebensnotwendigen Sozialstation geworden. Neben der medizinischen Betreuung und Sterbebegleitung der Patienten kümmert sich Lotti Latrous auch um die existentiellen Nöte der Menschen, die sich voll Vertrauen an sie wenden.

Im letzten Jahr kamen über 28.000 Menschen zu Lotti Latrous in die ambulante Tagesklinik und baten sie um medizinische Hilfe und finanzielle Unterstützung. Rund 2.500 AIDS kranke Menschen erhalten regelmäßig und kostenfrei antiretrovirale Medikamente, wodurch ihre Lebensdauer entscheidend verlängert und ihre Lebensqualität verbessert wird. Über 300 HIV-positiven Frauen wurden bis heute durch Kleinkredite ein eigenes Geschäft und damit eine selbständige Existenz ermöglicht.

Im Hospiz des „Centre L’Espoir“ werden sterbenskranke Patienten medizinisch versorgt und von Lotti Latrous würdevoll bis in den Tod begleitet. Auf die Frage, wie viele Menschen sie schon persönlich in den Tod begleitet hat, antwortet Lotti Latrous: „Es waren Tausende.“

Dabei ist es ihr wichtig, dass die Menschen nicht allein gelassen werden und ihre Würde und auch ihre Hoffnung behalten. Wie entscheidend der Aspekt der Hoffnung für die Menschen ist, wird deutlich durch die Tatsache, dass rund ein Drittel der Patienten, die eingeliefert werden, nach oft wochen- oder monatelanger medizinischer Betreuung und liebevoller Pflege, das Hospiz auch wieder verlassen können.

Im angegliederten Waisenhaus leben 40 Kinder, 35 von ihnen sind HIV-positiv. Wie eine Mutter kümmert sich Lotti Latrous um diese Kinder und macht ihnen Mut, positiv und stark mit ihrer Krankheit zu leben.

Würde, Vertrauen und Hoffnung: Ein Tag mit Lotti Latrous

Wir verbringen zehn Tage im „Centre L’Espoir“ und haben damit einen umfassenden Einblick in die überzeugende Arbeit und Menschlichkeit von Lotti Latrous gewinnen dürfen. Die folgenden Schilderungen eines einzigen Tages spiegeln wider, was diese beeindruckende Frau und ihr Team tagtäglich leisten.

Das Büro und Empfangszimmer von Lotti Latrous ist in einem Schiffscontainer untergebracht, der noch aus den Anfangszeiten des „Centre L’Espoir“ stammt. Schon ab dem frühen Morgen stehen die Menschen Schlange, um mit „Madame Lotti“, wie sie von allen genannt wird, zu sprechen. Jedem begegnet sie mit Herzlichkeit und tiefem Respekt, was selbst in kurzen Gesprächen von wenigen Minuten deutlich zum Ausdruck kommt. Einen Großteil der Patienten spricht sie mit Namen an und kennt ihre Schicksale. Sie hört in Ruhe zu und entscheidet schnell, wobei sie sich auf ihr enormes Erfahrungspotential und ihre Menschenkenntnis verlässt.

Lotti Latrous lädt uns ein, an den Konsultationen teilzunehmen, und wenig später sitzen wir neben ihr im Empfangszimmer. Das Spektrum der Nöte der Menschen, die zu ihr kommen, erscheint grenzenlos.

elfenbeinkuste-28_b.jpgEine junge Frau mit ihren zwei Kindern kommt herein und bittet um neue Medikamente. Sie und beide Kinder sind HIV-positiv, ihr Mann hat sie sitzen gelassen. Lotti Latrous schreibt ein Rezept für die Apotheke des Zentrums auf und reicht es der Mutter. Sämtliche AIDS-Medikamente sind kostenlos. An allen anderen Medikamenten müssen sich die Patienten soweit möglich mit der Hälfte der Kosten beteiligen. Nach einem kurzen „Au revoir“ folgt „Suivant!“ – der Nächste bitte - und es erscheint ein alter Mann, der kaum in der Lage ist, allein die Treppenstufe in den Schiffscontainer hinaufzu-steigen. Lotti Latrous begrüßt ihn mit einem freundlichen „Bonjour Monsieur“ und hilft ihm hinauf. Der Mann leidet an Tuberkulose und hat vor wenigen Monaten seine Frau verloren. Da er nicht mehr in der Lage ist zu arbeiten, hilft ihm das „Centre L’Espoir“ bei der Zahlung seiner Miete.

Und wieder ertönt das vertraute „Suivant!“ und es kommt eine Frau, die um Essen für ihre Familie bittet. Sie hat zehn Kinder, ihr Mann ist Alkoholiker. Die Ausweglosigkeit, in der die Familie steckt, wird deutlich, als die Frau mit Tränen in den Augen schildert, dass ihre 17-jährige Tochter nicht mehr nach Hause käme, weil sie als Prostituierte arbeitet. Lotti Latrous reicht der Frau einen Essensbon, mit dem sie jede Woche Reis abholen kann.

Es folgt eine weitere junge Mutter mit ihrem 16 Monate alten Kind, dessen Arm in einen Strumpf gewickelt ist. Als sie diesen abstreift, kommt ein dünnes Ärmchen zum Vorschein, an dessen Ende anstelle der Hand ein zusammengezogener Hautklumpen hängt. Wir erfahren, dass die Hütte, in der das Kind schlief, durch eine abgebrannte Kerze in Flammen aufgegangen war. Das Kind hatte sich schwere Verbrennungen zugezogen. Lotti Latrous greift zum Telefon und ruft einen befreundeten Professor an, der auf Handchirurgie spezialisiert ist, und vereinbart einen Termin für das Kind.

Als nächstes kommt eine Flüchtlingsfamilie aus Togo, die erst seit kurzem in Adjouffou wohnt. Der Mann ist kräftig gebaut und scheint gesund zu sein. Seine Frau erklärt, dass sie häufig müde sei und seit Wochen immer wieder starken Durchfall hätte. Lotti Latrous schaut uns kurz an und empfiehlt dem Ehepaar zur näheren Ursachenbestimmung der anhaltenden Müdigkeit einen kostenlosen AIDS-Test zu machen. Der Mann ist überrascht und entgegnet verwundert, dass er doch keine Beschwerden hätte. Dennoch willigt er ein, und so geht die ganze Familie in das angrenzende Labor zur Blutuntersuchung, deren Ergebnis nach einer Viertelstunde feststeht. Als ihr wenig später von der Laborassistentin die Testergebnisse gebracht werden, sagt Lotti Latrous „Jetzt wird es schwierig!“ und schließt die Tür. Es stellt sich heraus, dass Vater und Sohn negativ, die Mutter jedoch HIV-positiv ist.

elfenbeinkuste-34_b.jpgMit ruhiger und klarer Stimme teilt sie dem Ehepaar die Ergebnisse mit. Es herrscht eine bedrückende Ruhe. Nach einiger Zeit fragt Lotti Latrous, ob die beiden ihr eine Frage stellen möchten. Die Frau flüstert unter Tränen: „Wie kann das nur passiert sein?“ Lotti Latrous richtet sich an den Mann und erklärt ihm, dass dieses Ergebnis nicht bedeuten muss, dass ihm seine Frau untreu war. Weiter führt sie aus, dass in der Elfenbeinküste in der Vergangenheit 30% aller Ansteckungen allein durch nicht desinfizierte gynäkologische Instrumente erfolgt sind. Hinzu kommen Infektionen durch die bis heute praktizierte Genitalverstümmelung oder infizierten Spritzen. Sie bietet der Frau an, sie kostenfrei mit den modernen antiretroviralen Medikamenten zu versorgen und macht ihr Mut: „Viele Menschen leben mit dieser Krankheit. Heute gibt es Medikamente, die uns erlauben noch lange weiterzuleben. Wichtig ist, dass du die Medikamente jeden Tag einnimmst, dann kannst du sogar Großmutter werden! Wenn du dich aufgibst, wird dich die Krankheit auffressen. Du musst stark sein. Du musst kämpfen. Denk an deinen Sohn, der dich braucht!“

Wir können nur staunen, was Lotti Latrous leistet. Bis zu zweihundert Menschen besuchen täglich ihre Sprechstunde(n!). Sie kommen mit akuten Schmerzen, offenen Wunden und Knochenbrüchen, mit AIDS, Tuberkulose, Malaria, Typhus und unterschiedlichen Geschlechtskrankheiten sowie zahlreichen finanziellen Nöten in das „Centre L’Espoir“.

Bis auf eine kurze Mittagspause ist sie den ganzen Tag für die Menschen da. Die Bandbreite ihrer Hilfe ist gewaltig. Sie hilft mit Medikamenten, Über-weisungen in Spezialkliniken, Lebens-mitteln, Babynahrung und Kleidung – mit Kleinkrediten, Mietzuschüssen, Operationskosten und Schulaus-bildungen für Kinder und Jugendliche. Immer wieder kämpft sie vehement gegen die Ignoranz von AIDS und betont die Wichtigkeit, sich testen zu lassen - eine weitere kostenfreie Dienstleistung des Zentrums. „Es ist verheerend.“, sagt sie „Viele denken, dass sie nur einmal im Leben einen Test machen müssen und wenn dieser negativ ist, sie sich auch für die Zukunft keine Sorgen mehr machen müssen!“

Erst am späten Nachmittag löst sich die Schlange der Menschen langsam auf. Nachdem alle versorgt wurden, schließt die ambulante Tagesklinik ihre Pforten. Zeit für Lotti Latrous hinüber ins nahegelegene Hospiz und Waisenhaus zu gehen. Ihre Patienten erwarten sie und freuen sich ebenso wie die Kinder, die mit lautem Rufen „Lotti, Lotti“ auf sie zugelaufen kommen. Langsam geht sie von Bett zu Bett, fragt jeden, wie es ihm über Tag ergangen ist und nimmt sich Zeit für ein Gespräch. Den todkranken Menschen streichelt sie über den Kopf, gibt ihnen zu Trinken und spricht beruhigend auf sie ein. Am Bett vom 17-jährigen Valderar bleibt sie besonders lange. Sie zeigt uns die dicken schwarzen Flecken, die sich über den ganzen Körper ausgebreitet haben und die sehr schmerzen. Später erfahren wir, dass Valderar an AIDS, Tuberkulose und einem bösartigen Hautkrebs leidet.

Nach der Visite geht Lotti Latrous in den Hof und setzt sich zu den Kindern. Diese helfen ihr, Abstand von den intensiven und zehrenden Erlebnissen des Tages zu gewinnen und ein wenig zur Ruhe zu kommen.

Ein unglaublich intensiver und erfüllter Tag geht zu Ende. Tief bewegt und um viele Erfahrungen reicher, sprechen wir abends noch lange mit Lotti Latrous über das Erlebte. Für sie war es ein ganz normaler Tag – für uns der Höhepunkt unserer bisherigen Projektreise. Wir haben viel gelernt über Menschlichkeit und Würde, Vertrauen und Hoffnung, Afrika und AIDS, Sterben und Sterbebegleitung und nicht zuletzt über den Tod. Wir sind sehr dankbar für die wertvolle Zeit im „Centre L’Espoir“ und die guten Gespräche mit Lotti Latrous. Auch wenn sie uns mehrfach gesagt hat, dass sie nicht bewundert werden möchte, so haben wir doch tiefe Achtung vor ihr und vor dem, was sie leistet.

Weitere Informationen: www.lottilatrous.ch

Flüchtlingsströme nach Europa

1. April 2007

Bericht aus Mauretanien

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Auf die Bedeutung Nouadhibous, der nördlichen Hafenstadt Mauretaniens, als eines der Drehkreuze der afrikanischen Flüchtlingsströme auf dem Weg nach Europa, wurden wir kurz vor unserer Abreise durch einen Bericht von Rupert Neudeck, dem Gründer des „Komitee Cap Anamur“, aufmerksam.

Da Marokko aufgrund massiven europäischen Drucks seine Grenzen sehr streng überwacht, ist Nouadhibou somit der nördlichste und geografisch nächst gelegenste Punkt zu den Kanarischen Inseln, die 800 km entfernt im Atlantik das ersehnte Ziel der meisten Flüchtlinge sind. Allein 2006 kamen auf den Kanaren über 30.000 afrikanische Flüchtlinge an. Die meisten werden in Pirogen, kleine, handgezimmerte Holzboote verfrachtet, ohne Seenavigationsinstrumente, ohne Rettungsmöglichkeiten, oft ohne Lebensmittel und nur mit unzureichenden Trinkwasserkapazitäten.

Wie verzweifelt muss ein Mensch sein, der all das auf sich nimmt, oft monatelang kreuz und quer in Afrika unterwegs ist, wochenlang die Wüstengebiete Nordafrikas durchquert und sich dann in ein solches Schiffchen wagt, dessen Chance sein Ziel zu erreichen, in Anbetracht von meterhohen Wellen, starken Winden und Strömungen erschreckend gering ist?

Bereits am Hafen von Nouadhibou kommen wir mit der Problematik in Kontakt. Inmitten des bunten Treibens auf dem lokalen Fischmarkt treffen wir auf einen Senegalesen, der offen zugibt, dass er schon mehrfach Flüchtlinge nach Europa gebracht hat. Das letzte seiner Boote sei im Dezember 2006 ab Nouadhibou mit 108 Flüchtlingen gestartet. Wir sind erstaunt über seine Offenheit bei dieser heiklen Thematik. Doch mit dieser ist es ganz plötzlich vorbei, als ein gutgekleideter Mann in unsere Nähe tritt. Mitten im Satz bricht der senegalesische Schlepper ab und spricht über den Fischfang. Später erklärt er uns, dass es sich bei dem Mann um einen Polizisten in zivil handeln würde. Aufgrund des zunehmenden Drucks der EU wird der Hafen seit Beginn des Jahres 2007 anscheinend verstärkt kontrolliert.

Wir besuchen Father Jerome, einen nigerianischen Pfarrer, der seit vier Jahren in Nouadhibou wohnt und sich den Flüchtlingen und ihren traurigen Schicksalen angenommen hat. Auf die Frage, warum er sich neben all den vielen anderen sozialen Herausforder-ungen in diesem Land gerade für die Flüchtlinge einsetzt, antwortet er: „Sie haben niemanden. Sie haben all ihr Geld verloren. Sie haben weder Familie noch Freunde. Sie kennen niemanden. Sie haben keinen Platz, an dem sie sich aufhalten und kein Bett, in dem sie schlafen können. Sie haben nichts zu Essen, oftmals nicht einmal genug Wasser. Sie verstehen die Sprache des Landes nicht, haben keine Rechte und werden, da sie illegal eingereist sind, wie Kriminelle behandelt. Sie haben alles, wirklich alles verloren. Für mich sind es die Menschen, die am hilflosesten sind und genau deswegen helfe ich ihnen.“

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Er führt uns zu einem kleinen Friedhof neben der Kirche, auf dem seit Jahren gestrandete Flüchtlinge begraben werden. Dieser ist komplett ummauert und nur vom Kirchengelände her begehbar. Der Ort wirkt sehr friedlich und strahlt eine unbeschreibliche Ruhe aus. Father Jerome geht zu einem großen Grab in einer Ecke des Friedhofs und erklärt uns, dass allein darin 435 ertrunkene Flüchtlinge liegen.

Hier sind Menschen begraben, die aus welchen Gründen auch immer, ihre Lebenssituation verlassen und sich auf den Weg gemacht haben, um ein besseres Leben zu finden. Sie haben oft jahrelang für den ersehnten Neubeginn gearbeitet und gespart, alles zurückgelassen und sich auf die Versprechungen der Schlepper verlassen, die bis zu 4.000 Euro für das „Ticket nach Europa“ verlangen. Dann kam der Moment, an dem all ihre Hoffnungen zerstört wurden und sie sich durch das Kentern oder Sinken ihres Bootes von jetzt auf gleich in akuter Lebensnot befanden. In Anbetracht dieser enormen Ungerechtigkeit und Hilflosigkeit verblasst der Aspekt der Illegalität, der diesen Menschen in Europa oft vorgeworfen wird. Wie können Menschen je illegal sein? Einem Menschen, der in Lebensnot ist, muss geholfen werden. Ganz egal aus welchen Umständen heraus er in diese Situation gekommen ist!

friedhof_b.jpgFather Jerome scheint unsere Gedanken zu spüren und erklärt: „Wenn alle Menschen frei reisen könnten, gäbe es keine illegalen Flüchtlinge.“ So einfach dieser Satz klingt, so tief und weitreichend ist seine Bedeutung. Während wir in den westlichen Ländern mit der größten Selbstverständlichkeit unsere Reiseziele frei wählen und jederzeit, nahezu in jedes Land der Welt einreisen können, werden Menschen, denen das fundamentale Menschenrecht der Reisefreiheit nicht gewährt wird, zu „illegalen“ Flüchtlingen.