Südafrika – ein Land extremer Gegensätze und Herausforderungen
Kriminalität und HIV/AIDS sind die beiden sozialen Herausforderungen, die Südafrika zur Zeit am stärksten beschäftigen. Wir würden noch ein Thema ergänzen: Apartheid. Immer noch!
Trotz offizieller Abschaffung der Apartheid im Jahr 1994 ist die Kluft zwischen Schwarz und Weiß sowie Arm und Reich in Südafrika größer als je zuvor. Gepflegte Vorstädte liegen unmittelbar neben heruntergekommenen Townships, mondäne Villen ragen hinter Wellblechhütten empor. Viele der alten Denk- und Verhaltensstrukturen haben sich bis heute kaum geändert. Die Hautfarbe ist nach wie vor ein gesellschaftliches Abgrenzungsmerkmal. Obwohl die Weißen nur 9,6 Prozent der Gesamtbevölkerung ausmachen, gehören ihnen die bedeutendsten Gold- und Diamantenminen des Landes, riesige Ländereien sowie große Teile der Wirtschaft.
Eine Umfrage unter schwarzen Südafrikanern ergab, dass 81 Prozent der Befragten noch nie mit einem Weißen zusammen gegessen haben. Ob am Strand, in den Restaurants, Cafés oder Bars – man sitzt getrennt. Die Schwarzen hier, die Weißen dort. Nur sehr selten sieht man gemischte Gruppen und wenn, dann sind es meist Kinder oder Jugendliche. Selbst in den Studentenstädten wie Kapstadt, Pretoria oder Stellenbosch lebt man nach wie vor nicht miteinander, sondern bestenfalls nebeneinander.
AIDS wird über die Zukunft Südafrikas entscheiden
Mit 5,5 Millionen Menschen, die mit HIV/AIDS infiziert sind, ist Südafrika das von AIDS am stärksten betroffene Land der Welt. 1,2 Millionen Kinder haben bereits durch AIDS ihre Eltern verloren.
Nach Angaben von UNAIDS beträgt die HIV-Infektionsrate landesweit im Durchschnitt 18,8 Prozent. Doch bei der Interpretation dieses Wertes ist Vorsicht geboten. Kritiker weisen zurecht darauf hin, dass die offiziellen Zahlen, die auf den staatlichen Angaben beruhen, unzuverlässig sind und kaum Rückschlüsse auf das wahre Ausmaß der AIDS-Epidemie zulassen. So liegt die Infektionsrate vor allem in den Städten, den ehemaligen Townships sowie in den vorwiegend von Schwarzen bewohnten Provinzen KwaZulu-Natal und Limpopo bei bis zu 36,2 Prozent. Die höchsten HIV-Raten sind in Minenstädten und entlang der großen Fernstraßen des Landes anzutreffen. So ergab beispielsweise eine Studie des Medical Research Council, dass 56 Prozent der getesteten Fernfahrer an einem beliebten Rastplatz der Staatsstraße R23 HIV-positiv sind.
Die Ansteckungsgefahr liegt bei jungen Frauen in Südafrika viermal höher als bei gleichaltrigen Männern. Zum einen beruht dies auf der höheren biologischen Verwundbarkeit von Frauen, zum anderen auf der untergeordneten Stellung der Frau innerhalb der südafrikanischen Gesellschaft. So sind Frauen zumeist nicht in der Lage, sich adäquat vor einer möglichen Ansteckung zu schützen. Viele Männer, die beispielsweise in den Minen arbeiten und sich während ihrer oft wochenlangen Abwesenheit bei anderen Frauen infizieren, bringen die Krankheit mit nach Hause und stecken ihre Ehefrauen an.
Außerpartnerschaftliche Beziehungen sind in der südafrikanischen Mentalität fest verankert. „In 70-80 Prozent aller Fälle sind sich die Partner nicht treu“, bestätigen Sozialarbeiter in verschiedenen Projekten. Zusätzlich verschärft wird die Ansteckungsgefahr mit der Immunschwächekrankheit zudem durch den geringen Gebrauch von Kondomen. Chipo Chiwarawara, eine HIV/AIDS-Beraterin im Norden Südafrikas erklärt bei einem Projektbesuch: „Möglicherweise wird die ersten Male, wenn man sich noch nicht kennt, ein Kondom benutzt. Doch schon nach kurzer Zeit wird ganz bewusst darauf verzichtet. Der Nichteinsatz von Kondomen wird als Ausdruck der Liebe und des Vertrauens zu einem Menschen verstanden.“ Auf die Frage, wie häufig Kondome benutzt würden, antwortet sie „in höchstens 25 Prozent aller Fälle“!
Die Gesamtzahl aller Todesfälle ist in den letzten zehn Jahren um 79 Prozent gestiegen. Die volkswirtschaftlichen Folgen von AIDS sind für Südafrika verheerend. Der Arbeitskräftepool schrumpft, die Kaufkraft schwindet, die Steuereinnahmen sinken und die Gesundheitskosten explodieren. Dies hat gravierende Auswirkungen auch auf die Betriebe, allein schon durch die Anzahl der ausgefallenen Arbeitsstunden, die durch den Besuch von Beerdingungen verloren gehen.
Auch wenn nach jahrelangen Bemühungen antiretrovirale Medikamente seit 2005 durch die Regierung Südafrikas kostenfrei zur Verfügung gestellt werden, ist nur ein kleiner Anteil der Bevölkerung in der Lage, die Medikamente einzunehmen. So nehmen beispielsweise 85,4 Prozent der HIV-infizierten schwangeren Frauen in Südafrika keine Medikamente ein, um die Gefahr der Mutter-Kind-Infektion auszuschließen.
Tragisch ist ferner, dass sich trotz massiver HIV/AIDS-Aufklärungskampagnen nur ein geringer Prozentsatz der Menschen testen lässt. Rund 2 Millionen Südafrikaner, die mit HIV leben, wissen nicht, dass sie infiziert sind und glauben, dass sie keiner Gefahr ausgesetzt sind. Ihnen ist nicht bewusst, dass sie das tödliche Virus übertragen. Die meisten Menschen werden erst dann auf ihre Infektion aufmerksam, wenn die ersten Symptome der Krankheit ihren Körper befallen. Da die Krankheit in vielen Bevölkerungsschichten bis heute als Fluch oder Strafe der Ahnen gilt, wird bis zum letzten Moment versucht, die Krankheit zu verschleiern. „Vielen Menschen macht die Krankheit und die mit ihr verbundene Lebensgefahr weniger Angst als das Stigma und die Ausgrenzung, die mit AIDS verknüpft sind“, beschreibt Edwin Cameron, prominenter Richter am obersten Berufungsgericht Südafrikas, der selbst HIV-positiv ist, in seinem Buch „Tod in Afrika“ die weitverbreitete Einstellung der südafrikanischen Bevölkerung.
Der Kampf gegen die gesellschaftliche Stigmatisierung sowie die Stärkung der Betroffenen und ihrer Familien im Umgang mit AIDS sind die größten Herausforderungen und zugleich auch die zentralen Schwerpunkte der HIV/AIDS-Projekte, über die in diesem Newsletter unter anderem berichtet wird.
Alle 10 Minuten eine Vergewaltigung, alle 2 Stunden ein Mord
Die Kriminalität in Südafrika stellt nach wie vor ein großes Problem dar. Das Land hat die weltweit höchste Kriminalitätsrate. Allein seit Ende der Apartheid 1994 wurden der südafrikanischen Polizei zufolge über 420.000 Menschen ermordet und mehr als 650.000 Menschen vergewaltigt. Nach der aktuellen Kriminalitätsstatistik werden in Südafrika pro Tag 50 Menschen ermordet und 150 vergewaltigt. Bei diesen Angaben handelt es sich lediglich um die gemeldeten Fälle, die Dunkelziffer liegt bei weitem höher.
Gründe für die Kriminalität sind vor allem die soziale Ungleichheit zwischen den ärmeren Bevölkerungsschichten, denen zumeist Schwarze angehören und der meist weißen Oberschicht des Landes. Doch die Kriminalität allein mit der sozialen Ungleichheit zu begründen, wäre ebenso falsch, wie das drastische Ausmaß von AIDS in Südafrika allein auf die Armut zu schieben. Eine Vielzahl sozialer und ethnischer Gründe haben ebenso großen Einfluss wie der landesweit hohe Alkoholkonsum und die Drogenproblematik, die wiederum vor allem in den schwarzen Wohngebieten anzutreffen ist.
Aufgefallen ist uns die nahezu überall spürbare und zum Teil enorme Angst. So verwandeln sich die Innenstädte und Geschäftszentren von Johannesburg, Kapstadt und Durban mit Einbruch der Dunkelheit zu wahrhaften Geisterstädten. Als Weißer zieht man sich zurück in die von hohen Mauern und privaten Sicherheitsdiensten hermetisch abgeriegelten Vorstädte. Die meisten Häuser gleichen mit Stacheldraht- und Elektrozäunen, Kameras, Infrarotsensoren, Scheinwerfern und Sirenen wahren Festungen. Die Menschen verriegeln selbst über Tag beim Fahren das Auto. In einigen Stadtteilen wird aus Angst vor Überfällen und Car-Jacking vor roten Ampeln nachts nicht mehr angehalten. Die Bevölkerung hat Angst und diese wächst, auch wenn jüngste Kriminalitätsstatistiken angeblich belegen, dass die Gewaltverbrechen leicht zurückgegangen sind.
Und dennoch haben wir entgegen vieler Horrormeldungen und Warnungen bis heute von der Gewalt nur gehört und gelesen. Obwohl wir uns in den Innenstädten von Johannesburg, Kapstadt und Durban frei bewegt, zahlreiche ehemalige Townships besucht und mit den Bewohnern gesprochen haben, gab es für uns nicht eine einzige bedrohliche Situation. Ein gesundes, aber ganz bestimmt nicht übertriebenes Maß an Vorsicht, ist sicherlich angebracht. Auch sollte man stets den Sicherheitshinweisen und Empfehlungen der Menschen vor Ort folgen. Dennoch würden wir jedem empfehlen, diesem wunderschönen Land und seinen Menschen nicht mit Angst, sondern mit Interesse, wachen Augen und gesundem Menschenverstand zu begegnen. Doch gilt dies nicht für jedes Land der Welt?








